Im Monat Januar des Jahres 1920 entstand in Forlì,
von Aldo Spallacci entworfen, die Zeitschrift der Romagna /
La Pie. Die Direktion des Verlags behauptete "Es gibt nichts,
das unsere Romagna mehr ausdrückt, als unser typisches
Brot. (...). Dies ist also als ein Symbol zu verstehen, das
auf Heimattreue hindeutet".
Diese Behauptung und der Name, welcher der monatlich veröffentlichten
Zeitschrift gegeben wurde, unterstreichen demnach die Fähigkeit
der Piadina, das Gebiet der Romagna unter einem einzigen Emblem
zu identifizieren und zu vereinigen. Der Identitätsgedanke
piadina/Romagna geht der ersten Ausgabe der Monatszeitschrift
La Pie voraus und wird schon dem berühmten Dichter Giovanni
Pascoli zugeschrieben, der die Piadina als „Nationalbrot
der Romagnoli (...)“ definierte.
Unter Piadina romagnola, oder piada romagnola, pie romagnola,
pjida romagnola, pièda romagnola, pji
romagnola, pida romagnola, versteht man in der Romagna ein Fladenbrot
bestehend aus Weizenmehl, Wasser, Salz und je nach der Gegend
auch anderen Zutaten. Die typische Piada romagnola hat einen
mit dem Nudelholz dünn ausgerollten Teig, der auf einer
aus gebranntem Ton bestehenden Pfanne mit tiefem Rand auf kohlenglutheißem
Feuer gebacken wird. Das Ergebnis ist eine große, mit
brauen Flecken getüpfelte Scheibe (die braunen Flecken
entstehen durch die Glut des Feuers), bröcklig, weich,
von delikatem Geschmack, die man mit den guten traditionellen
Wurstwaren, Frischkäsespezialitäten, Gemüse und
einem schönen Glas Sangiovese di Romagna verzehrt.
Die übliche Piadina wird mit folgenden Zutaten hergestellt:
1 kg Mehl, 20g Hefe, 180-200 g Schmalz, eine Prise Salz und
ein halbes Liter Milch. Die Bäuerin verwendet hingegen
als Zutaten:
Mehl, Schmalz, doppeltkohlensaures Salz und Zucker. Die ländlichste
Form wird jedoch ohne Schmalz und anstelle der Milch mit Wasser
zubereitet.
Wer ein wahrer Kenner der Piadina ist, weiß, dass das
ursprüngliche Rezept unmöglich nachzuweisen ist, da
es eine Unzahl an lokal vorkommenden Varianten und Familienrezepten
gibt, um ein einzig geltendes bestimmen zu können. Dies
kommt bei vielen, auch komplizierten Gerichten immer wieder
vor: Jeder meint das wahre Rezept sei das Seinige.
Viele Gesichter in einer einzigen Piadina also/ aber man kann
trotzdem einige Parameter sicher bestimmen.
Die Höhe, zum Beispiel. Von der dünnsten Piadina (sie
ist sozusagen nicht hoch) in Riccione, bis hin zur “höchsten”,
also zur dicksten in der Gegend von Forlì.
Die Größe, wie die Pfannen von "Montetiffi"
, ohne am Würzen zu sparen und gut durchgebacken.
Demnach ist dieses Thema ein wahres Kopfzerbrechen für
Feinschmecker und Traditionalisten. Zum Glück gibt es dennoch
drei sichere und unverändert gebliebene Dinge.
Praktisch Wasser, Mehl und Salz. Die restlichen Zutaten stellen
die zum Teil verrückte Variable dar: Art und Menge des
dazu verwendeten Fettes, Öl, Zucker, Hefe und Milch. Es
gibt sogar welche, die Honig dazugeben. Ein vielleicht seltsames
gastronomisches Rätsel für eine Speise, die nicht
einmal ein Gericht im wahrsten Sinne des Wortes ist; es hat
jedoch viele „Ahnen“ und „Verwandte“
in der ganzen Welt.
Es gehört zu den Broten ohne Sauerteig, zu denen zum Beispiel
auch das ungesäuerte Brot der Juden gehört.
Hefe
wurde zum ersten Mal in der Küche im antiken Ägypten
verwendet.
Sachlich betrachtet kann man die Piadina als einen „Bruder”
des in Sardinien typischen Carasao-Brotes oder des dünnen,
“Musiknoten” genannten Brotes ansehen, man kann
sie ebenso mit dem arabischen Fladenbrot, dem ungesäuerten
Brot der Türkei, des Maghreb und Eritreas vergleichen.
Spuren findet man auch in Indien und sogar in Lateinamerika:
tauscht man das Weizenmehl gegen Maismehl aus, erhalten wir
das Äquivalent der „Tortillas".
Die Piadina ist so vielseitig, dass man sie gemeinsam mit vielen
Speisen genießen kann. Am besten eignet sie sich für
schmelzende Käsesorten, für Wurstwaren, Schinken und
Aufschnitt, aber unter einer Vorsichtsmaßnahme: es sollten
sehr salzige Speisen mit der Piadina vermieden werden, wie etwa
der toskanische Schinken.
Typisch an der Grenze Toskana-Romagna sind zwei Varianten: mit
Kräutern und Kartoffeln. Die Tradition gestattet keinerlei
andere Varianten.
In einem seiner Gedichte sprach Pascoli sogar vom ungesäuerten
Brot der Armen, das mit Kräutern genossen wird: "Azimo
santo e povero dei mesti (...) che s'accompagna all'erbe agresti...".
Sehr volkstümlich und auf allen Tischen vertreten ist die
Verbindung mit Mozzarella und Tomaten, eine moderne Variante
ist die mit Nutella, im ersten Fall könnte man von einem
Nachahmen der Pizza sprechen, im zweiten Fall von einer extremen
Art des Piadina-Geniessens...
Man kann ja Experimente hie und da machen…
Inzwischen ist das “Brot” der Tradition in vorgekochter
Version ein Phänomen unserer Zeit geworden. Zu Hause wird
die Piadina immer weniger selbst gemacht, es fehlt dazu die
Zeit und die Kultur hat sich geändert. Dies ist einer der
Gründe für das Entstehen der Piadinerie (Piadina-Buden)
und – vor kurzem – der industriell gefertigten Piadina.
Dieselbe Entwicklung erfuhr Jahre zuvor die Pasta.
Für diejenigen, die sich mit der Piadina als Fachleute
näher beschäftigt haben, ist das Aufgeben der Zubereitung
in der aus gebranntem Ton bestehenden Pfanne Schuld an dieser
Tendenz. Auch wenn Gusseisen bestimmt ein sehr guter Ersatz
dafür ist. Zuletzt ein Geheimnis: die Piadina soll spätestens
drei Minuten nach fertiger Backzeit genossen werden, damit ihre
unvergleichbar flaumige Konsistenz und ihr Wohlgeruch nicht
verloren gehen.